Am Mittwoch 14. Dezember 2011 ist Aiha Zemp, Gründerin und Leiterin der Fachstelle für Behinderung und Sexualität (FABS) selbstbestimmt gestorben. Radio DRS2 würdigt sie in einem Nachruf. Wir SexualbegleiterInnen sind sehr traurig darüber dass mit ihr eine mutige Frau, welche sich lange und unermüdlich für die Selbstbestimmung und Gleichstellung Behinderter eingesetzt hat von uns ging. Tabuthemen wie Sexualität und Gewalt von und an Behinderten hat sie unerschrocken thematisiert. Wir wünschen uns dass auch nach ihrem Tod die Diskussionen um diese Themen weiter offen bleiben und diese menschlichen Anliegen in der Gesellschaft anerkannt werden.
Aiha Zemp 2008 im Portrait auf DRS2: Alphabet des Willens
Verena Gattiker, Dezember 2011
Seit Ende 2010 ist Fachstelle Behinderung und Sexualität in Basel (FABS) geschlossen. Sie hat sich mit Beratungen und Publikationen zu vielen Themen wie Behinderung, Sexualität und Gewalt geäussert. Die Leiterin der FABS Aiha Zemp hat seit 2003 grosse Aufbauarbeit geleistet. Aus Dank an und Respekt vor ihrem grossen Einsatz finden Sie folgend die aufschlussreiche Geschichte.
Verena Gattiker, September 2011
VON DEN BERÜHRER/INNEN ÜBER DIE SEXUALASSISTENZ ZUR SEXUALBEGLEITERIN BEI SINNEROSE
Berührer/innen
Auch die Beratungsstelle des Kantons Zürich von Pro Infirmis weist sich aus mit der Dienstleistung des Begleiteten Wohnens. Die Begleiter/innen wurden zunehmend mit den Wünschen und Bedürfnissen nach Sexualität ihrer Klientel konfrontiert und fühlten sich in dieser Situation recht ohnmächtig. Aufgrund dieser Situation beschloss Pro Infirmis Zürich, eine Ausbildung anzubieten für Frauen und Mä¤nner, die sexuelle Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung anbieten. Diese Berührerinnen und Berührer, wie sie genannt wurden, sollen künftig körperlich oder geistig behinderten Menschen durch Zärtlichkeit, Körperkontakt und Anleitung zur Selbstbefriedigung helfen, ihren Körper zu geniessen. Sie sollen Massagen, Körperkontakt, Streicheln und Umarmen anbieten, nicht aber Geschlechtsverkehr oder Oralkontakt. Die Idee wurde in der Presse im Frühjahr 2003 äusserst kontrovers diskutiert. 300 Personen interessierten sich für die Ausbildung, sehr viel mehr Männer als Frauen. 120 Interessierte wurden zu einem ersten Gespräch eingeladen. Nach einem dreistufigen Auswertungsverfahren wurden sechs Frauen und vier Männer für die Ausbildung ausgewählt. Viele von ihnen kamen aus der Tantra-Bewegung.
Die Daten der Ausbildungswochenenden standen fest und die Sexualbegleiterin Nina de Vries war als Ausbildnerin gewählt. Ende August desselben Jahres zog sich Pro Infirmis Schweiz unmittelbar vor Beginn der Ausbildung vom Projekt zurück mit der Begündung eines grossen Spendenrückgangs, den sie in einen Zusammenhang mit dem Berührer/innen-Projekt bringen musste aufgrund verschiedener Briefe.
Aus dem Wissen um die Notwendigkeit einer solchen Dienstleistung für Menschen mit einer Behinderung wurde im Oktober 2003 der Förderverein fabs gegründet um dieses bereits fortgeschrittene Projekt zu retten. Dem Vorstand war aber damals sehr klar, dass die Zielsetzung dieses Fördervereins die Gründung und die Förderung einer Fachstelle zum Thema Sexualität und Behinderung sein muss und dieses Berührer/innen-Projekt lediglich einen kleinen Teil des gesamten Auftrages sein wird.
Sexualassistenz
Mit der Uebernahme des Projektes bekam es einen neuen Namen: Sexualassistenz. Einerseits löste das Wort Berührer/in in der Bevölkerung dermassen viele Phantasien aus, die wenig mit der konkreten Arbeit dieser Frauen und Männer zu tun hatten. Zudem müssen Menschen mit einer Behinderung sehr oft notgedrungen berührt werden, wenn sie Hilfe brauchen beim waschen, anziehen usw. Es war uns ganz wichtig, eine klare Unterscheidung zu machen von diesen alltäglich notwendigen Berührungen und den sinnlich-erotischen Dienstleistungen. Das Wort Assistenz ist unmittelbar mit der Selbstbestimmt-Bewegung verknüpft und es war uns wichtig, dass auch im Zusammenhang mit Sexualität Handlungen nur dann ausgeführt werden, wenn diese von Frauen und Männer mit Behinderung gewünscht werden und selbst-bestimmt entschieden werden kann, welche Dienstleistung gewünscht wird.
Die Ausbildung konnte dann mit einer halbjährigen Verspätung begonnen werden und im Juni 2004 wurden 10 Sexualassistent/innen zertifiziert. Die Schwerpunktthe-men in dieser Ausbildung waren mit viel Selbsterfahrung die Aufarbeitung der eigenen Sexualbiographie, Umgang mit eigenen Grenzen und derjenigen von Andern,
Akquisition von Arbeit usw. und drei Theorietage zum Thema Behinderung. Die Sexualassistent/innen, die von der fabs vermittelt wurden, waren verpflichtet zu
5 Supervisionen pro Jahr und einem Weiterbildungstag, dessen Inhalt von ihnen bestimmt wurde. Wir haben ethische Richtlinien ausgearbeitet:
Die Sexualassistent/in verpflichtet sich auf Basis der folgenden ethischen Richtlinien zu arbeiten:
- Wir achten Menschen mit einer Behinderung als gleichwertig
- Wir sind gewillt, unser Handeln den besonderen Bedürfnissen anzupassen
- Wir stellen uns gegen jegliche Form der sexuellen Belästigung und Gewalt
- Wir arbeiten individuell, selbstständig und unseren jeweiligen Möglichkeiten entsprechend
Die Fachstelle fabs vermittelte
- über ihre Website oder
- bei Bedarf telefonisch
- unentgeltlich und ohne Provision:
Dienstleistungen im sexuell/erotischen Bereich für Menschen mit einer Behinderung.
Bei Bedarf machte die fabs Abklärungen bei Menschen mit geistiger Behinderung und/oder Autismus.
Mögliche Dienstleistungen der Auftragnehmer/in sind:
- Sexualassistenz
- Berührungen
- Handentspannungs-Massagen
- erotische / tantrische Massagen
- Onaniehilfen
- Einkäufe in Erotikshops
Schon sehr bald kamen zunehmend Fragen und Wünsche von der Klientel bezüglich Geschlechtsverkehr. Pro Infirmis hat sich mit dem Ausschluss von Geschlechtsverkehr von der Prostitution abgegrenzt. Je mehr solche Gespräche geführt wurden desto klarer wurde, dass an dieser künstlichen Grenze nicht festgehalten werden kann. Einem Menschen, der 30 Jahre an Hunger gelitten hat, kann man nicht ein Sushi-Plättchen anbieten, er will zuerst einmal einige Portionen Schnitzel mit Pommes (wenn man das Shushi-Plättchen mit den verwöhnenden tantrischen Massagen vergleichen will). Beides ist nicht zu bewerten.
Weil Pro Infirmis des Kanton Zürich die Ausbildung ausgeschrieben hatte, kamen alle Sexualassistet/innen aus dieser Gegend. Da sich das Bedürfnis nach Erotik und Sexualität aber nicht regional eingrenzen lässt zeichnete sich die Notwendigkeit einer 2. Ausbildungsmöglichkeit ab. Für diese Ausbildung suchten wir Frauen und Männer, die auch bereit waren, Geschlechtsverkehr anzubieten, im klaren Wissen darum, dass sich das auch immer wieder verändern kann, denn wir haben in der Schweiz glücklicherweise das Gesetz, dass die Selbstbestimmung in der Sexualitätt für alle Menschen an oberster Stelle steht.
Die 2. Ausbildung war in vier Teilen aufgegliedert::
1. Drei Intensivwochen mit Peter Oertle, Psychologe und Barbara Soluna, Sexualbegleiterin
2. Drei Intensivtage mit Dr.Aiha Zemp zum Thema Behinderung
3. Zwei erotische Wellness-Wochenenden mit Klientel
4. Eine Woche Praktikum in einem Heim
Ende Mai 2007 wurden weitere vier Frauen und vier Männer zertifiziert.
Die Sexualassistent/innen bieten ihre Dienstleistungen an als
- HeterosexuelleR
- HomosexuelleR
- BisexuelleR
bei Hausbesuchen und/oder im eigenen Studio. Die Sexualassistent/innen regeln die Finanzierung der Angebote selbstständig mit ihren / seinen Klient/innen. Die Einnahmen gehen vollumfänglich direkt an sie / ihn.
Sexualbegleitung - SINNlich-EROtische und SExuelle Dienstleistungen
In derselben Zeit wie die Ausbildung im Gange war beschäftigte sich der Vorstand an seiner Retraite intensiv mit dem Thema der Sexualassistenz aufgrund der Frage: wieso bieten Frauen und Männer für Menschen mit Behinderung diese Dienstleitun-gen an und sonst nicht, also der Frage nach der tatsächlichen Motivation. Aber auch das Prinzip der Normalisierung und Integration veranlassten den Vorstand und wenig später auch den Fachbeirat zu folgenden Ueberlegungen: Nicht alle Menschen können ihre Sexualität in einer Beziehungen zu einer Partnerin / einem Partner leben. Auch Menschen mit Behinderungen sind deshalb auf Dienstleistungen im erotisch-sexuellen Bereich angewiesen. Weil behinderten Menschen in diesem Bereich nicht das gleiche Angebot wie nicht behinderten Menschen zur Verfügung steht, setzt sich die fabs für den Aufbau eines Netzwerkes von Frauen und Männern ein, die Menschen mit Behinderungen eine Vielfalt erotischer und sexueller Dienstleistungen anbieten, vom Gespräch über Hilfe bei der Anwendung erotischer Hilfsmittel zur Massage und allen Formen des Geschlechtsverkehrs. Zu den Gründen, wieso professionelle Sexarbeiter/innen diese Dienstleistungen künftig übernehmen sollen:
- Sexarbeiter/innen sind Fachpersonen in der Erbringung unterschiedlicher sexueller Dienstleistungen.
- Sie haben Erfahrung im Umgang mit unterschiedlichsten Männern und Frauen und ihren vielfältigen sexuellen Bedürfnissen.
- Sie bieten eine Vielfalt erotischer und sexueller Dienstleistungen an.
- Wenn behinderte Menschen zu einer/m Prostituierten gehen, suchen sie keine Liebesbeziehungen. Sie suchen eine Fachperson, die ihre sexuellen Wünsche kompetent erfüllt.
- Sie suchen keine/n Therapeutin/Therapeuten, keine/n Helferin/Helfer mit einem grossen Herz, sondern eine Fachperson, die ihnen in einem privaten Raum ein sexuelles Erlebnis vermittelt.
- Sexualität ist der privateste, intimste Bereich des menschlichen Lebens. Der Intimbereich verträgt keine helferischen Uebergriffe. Sexuelle Dienstleistungen dürfen nicht aus einer unklaren Motivation heraus erfolgen. Nur bei Sexarbeiter/innen besteht eine Garantie, dass hinter der sexuellen Dienstleistung nicht noch andere Absichten stehen.
Die neue Aufgabe der Fachstelle fabs im Zusammenhang mit sexuellen Dienstlei-stungen wurde so formuliert:
- Es braucht ein Netzwerk von Frauen und Männern, die sich prostituieren und Kundinnen/Kunden mit einer Behinderung kompetent und diskret bedienen.
- Die Dienstleistung muss in Räumlichkeiten erbracht werden, die zugänglich und benutzbar sind.
- Die Tarife müssen den individuellen Budgets der behinderten Kundinnen und Kunden angepasst sein.
- Die Finanzierung eines behinderungsbedingten zeitlichen Mehraufwands aufseiten der/des Prostituierten muss gesichert sein.
- Die Sexarbeiter/innen lassen sich - falls nötig - über spezielle Bedürfnisse und Voraussetzungen ihrer behinderten Kundinnen und Kunden informieren.
- Die fabs ist für Sexarbeiter/innen eine Anlaufstelle zur Besprechung von schwierigen Situationen bei der Vermittlung sexueller Dienstleistungen
gegenüber Kundinnen/Kunden mit einer Behinderung.
Der Anfang dieses Netzwerkes ist gemacht: wir haben die sinnlich-erotischen und sexuellen Dienstleistungen auf unserer Webseite ausgelagert und dafür eine eigene gestaltet unter www.sinnerose.ch. Dort können sich sowohl ausgebildete Berührer/innen und Sexualassistent/innen als auch professionelle Sexarbeiter/innen vor-stellen und ihre Dienste anbieten. Die Verantwortung für:
- Schwangerschaftsverhütung
- Gesundheit, explizit das Vermeiden einer von geschlechtlich übertragbarer Krankheit
liegt allein bei der Kundin oder dem Kunden und der Person, welche die sexuellen Dienstleistungen anbietet. Die fabs übernimmt dafür keine Haftung. Auch kann die fabs keine Haftung für allfällige sexuelle Uebergriffe im Rahmen einer solchen Dienstleistung übernehmen.
Somit haben auch Menschen mit einer Behinderung eine hoffentlich immer grössere Auswahlmöglichkeit und können selbstbestimmt wählen, welche Art von Dienstleistung sie in Anspruch nehmen möchten.
Dr. Aiha Zemp
Leiterin Fachstelle fabs
November 2008

